
NewsletterHintergrund
|
Warum wir den Vertrag von Waitangi ablehnen sollten. Eine Maori-Pakeha-PerspektiveWenn wir in Neuseeland in der Schule oder auf der Strasse etwas über den Vertrag von Waitangi lernen (sofern wir es schaffen, überhaupt etwas von der vertuschten Vergangenheit zu erfahren), hören wir, dass alle Stammesoberhäupter der Maori den Vertrag unterschrieben hätten und wie er damit zum Gründungsdokument dieses Landes wurde, wodurch wir alle 'ein Volk' geworden seien. Die Leute reden romantisch davon, wie die Maori 'ihr Land teilen' wollten, oder andererseits, wie die Maori unterschreiben mussten, weil sie in der Minderheit waren und 'die Schlacht verloren' hätten. Das sind natürlich alles Lügen. Lügen, die von denen wiederholt werden, die uns immer noch eine Aufarbeitung der Vergangenheit und des Unrechts verweigern, die passiert sind und immer noch passieren. Diese Lügen wurden erfunden von einer selbsterklärten Regierung ohne Mandat, eingesetzt von der imperialistischen herrschenden Klasse Grossbritanniens, um die arbeitende Bevölkerung und die 'Eingeborenen' einer neuen 'Commonwealth'-Nation zu regieren. Eine Nation, die nie wirklich existiert hat und vermutlich nie existieren wird, ausser in den Köpfen von Sportfans, Bürokraten und pseudo-egalitären, rassistischen, Nationalisten (die es leid sind, die Maori immer wieder 'jammern' zu hören, während sie sich die Ohren zuhalten). Aber ich will zum Vertrag zurückkehren. Es gab viele Versionen des Vertrags von Waitangi. Eine englische, die von nur etwa zwanzig Häuptlingen unterzeichnet wurde, und sechs weitere Kopien, die, hastig und inkorrekt übersetzt, von verschiedenen Leuten aus verschiedenen Motiven im Land herum geschickt wurde. Viele Maori-'Häuptlinge', die unterzeichneten, waren in Wirklichkeit gar keine, was die andere Seite nicht nur wusste sondern auch ausgenutzt hat. Einige von denen, die die Unterschriften sammelten, haben den Inhalt kreativ ausgeschmückt oder wussten ihn gar nicht so genau, weil sie selber keine Kopie besassen. Vielen weiblichen Häuptlingen wurde das Recht, zu unterschreiben, verweigert. Viele Gegenden wurden als zu schwer erreichbar erachtet, oder schlicht als unbewohnt erklärt, wie zum Beispiel die gesamte Südinsel. Insgesamt haben 500 'Häuptlinge' den Vertrag unterschrieben, wobei geschätzt wird, dass diese etwa ein drittel der Maori-Bevölkerung repräsentierten. Viele andere Häuptlinge haben sich geweigert, zu unterschreiben, unter anderen die aus dem Tuhoe-Gebiet und aus Taranaki. Aber davon wird lieber nicht gesprochen. Diejenigen, die unterschreiben haben, haben es getan, weil da auf einmal ein Haufen neuer Siedler in der Gegend herum rannte, die nicht zu kontrollieren waren. Zweifelhafte Landgeschäfte waren an der Tagesordnung und keiner war verantwortlich. Die Maori-Version des Vertrages versprach den Maori volle Souveränität und Kontrolle über ihre Ländereien und Ressourcen, während die englische Krone die Regierungsgeschäfte betreiben sollte und den Maori den Schutz der britischen Staatsbürgerschaft geben sollte. Die englische Version (die nach internationalem Recht heute als ungültig angesehen wird), besagt, dass die englische Krone die Souveränität erhält. Damit hatte sie die Kontrolle über alle Neuseeländer und das Vorkaufsrecht bei allen Landgeschäften, was sich bald zur Konfiszierung auswuchs, wenn die Maori sich weigerten, den aufgezwungenen Gesetzen Folge zu leisten. Einige NeuseeländerInnen weisen gerne darauf hin, dass zum Zeitpunkt er Unterzeichnung weit mehr Maori im Land waren als Europäer. Allerdings kamen die Siedler bald danach massenhaft, besonders in Orten wie Wellington, sehr zu Überraschung der dortigen Häuptlinge. (Einige Siedler waren auch überrascht, als sie feststellten, dass das Land, das sie erworben hatten, nicht ganz so gross war, wie versprochen, oder gar nicht existierte.) Was das Argument der 'verlorenen Schlacht' angeht, auch das passierte, nach der Unterzeichnung, als die Maori entweder von der Regierung oder von den Siedlern gezwungen wurden, ihr Land zu verkaufen. Dies ist alles wohl dokumentiert, wenn auch viele Ereignisse 'kreativ' ausgeschmückt wurden, weil sich blutige Schlachten immer gut in Geschichtsbüchern machen und die Historiker natürlich weiss waren. Warum sollten wir also heute den Vertrag zurückweisen? Weil es für viele Maori nie irgendein Übereinkommen gegeben hat, unsere Souveränität aufzugeben. Es hat nie ein Abkommen gegeben, unsere Ländereien gegen unseren Willen zu abzugeben. Wir haben nie zugestimmt, Gemeindeabgaben zu zahlen, unter der Drohung, andernfalls unser Land zu konfiszieren. Und wir haben nie zugestimmt, unsere Heiler, unsere Sprache, unsere geschnitzten Versammlungshäuser, oder unser Recht aufzugeben, gegen diejenigen zu rebellieren, die uns vergewaltigt, ermordet und bestohlen haben. Maori vergessen so etwas nicht so schnell. Es wird von Generation zu Generation weitergegeben, durch Geschichten, Verhaltensweisen und den Schmerz. (Dasselbe gibt es auch bei Siedlerfamilien aus Ländern wie Schottland und Irland). Einige Maori versuchen nun, mit Hilfe der Vertrags zu Land, Ressourcen und Geld zu kommen, um dem Kreislauf aus Depression, Armut und Selbstverachtung zu entkommen, der so typisch ist für die post-koloniale Maori-Gesellschaft. Viele wurden erfolgreich assimiliert in die herrschende Kultur, die sich mittlerweile überall auf der Welt findet. Einige wurden Unterhaltungsstars oder kapitalistische Unternehmer. Dies mag kurzfristig als Erfolg gesehen werden, aber langfristig sind die Folgen negativ, weil sich damit das Wertesystem hin zu Materialismus und Individualismus verändert. Maori sind in der Armee und bei der Polizei überrepräsentiert, bei genau den Institutionen, die ihre eigenen Leute und andere indigene Völker unterdrücken. Es ist, als wenn man die Kinder, die man nicht mag, dazu bringt, sich zu prügeln, sodass man in Ruhe ihr Pausenbrot klauen kann. Ironischerweise werden auf diese weise viele ernährt, ob zu Hause oder im Knast – ein weiterer Ort, an dem Maori überrepräsentiert sind. Was ist also die Alternative, und inwieweit wird uns eine Ablehnung des Vertrages weiterhelfen? Dazu will ich zunächst erklären, dass ich Pakeha in der dritten Generation und Te Atiawa Maori bin. Ungefähr 50:50. Ausserdem bin ich Anarchistin, glaube also daran, dass die Menschen ohne Herrschaft in einer egalitären Gesellschaft leben können. Ich glaube ernsthaft daran, dass Menschen die Fähigkeit haben, zu teilen und schonsam mit Ressourcen umzugehen. Es hat die letzten hundert tausend Jahre geklappt – warum nicht heute? Erst in den letzten paar hundert Jahren sind wir gezwungen worden, and die Idiotie vom 'survival of the fittest' zu glauben. Sind wir die Konkurrenz nicht leid, und den ewigen Kampf, nur um uns über Wasser zu halten? Ist es nicht an der Zeit, dass die oberflächlichen Worte von Frieden, Liebe und Kotahitanga ('ein Volk') mit Gerechtigkeit gefüllt werden? Ich glaube daran und deshalb finde ich die Tino Rangatiratanga, Mana Motuhake und Anarchismus-Bewgungen so inspirierend. Leute, die bereit sind, aufzustehen und zu sagen, dass sie ihre Würde, die Kontrolle über sich selbst, ihr Leben wiederhaben wollen. Nicht, um über eine sogenannte 'Nation' zu bestimmen, sondern nur über ihr eigenes Leben und ihr Umfeld. Das ist meine Vorstellung von Nachhaltigkeit und Selbstversorgung, von Grund auf, wo wir wissen, wer zuviel von etwas nimmt und sofort etwas unternehmen können – offen, ehrlich und konstruktiv. Oder es könnte umgekehrt Pakeha-Gemeinden geben, an denen auch Maori teilhaben, oder alles durcheinander. Das können wir immer noch regeln. Es kann schwierig werden, aber wenigstens hätten wir dann alle etwas zu sagen in einem Land, in dem endlich Gerechtigkeit und Frieden herrschen. Der erste Schritt ist die Entscheidung, etwas Besseres zu wollen, als dieses Land, das von Regierung und Konzernen kontrolliert wird. Der nächste Schritt ist, etwas dazu zu tun, damit es passiert. Emily Bailey ist Filmemacherin, Autorin, Gärtnerin, Umwelt- und Sozialaktivistin in Wellington. Sie lebt seit den staatlichen 'Terror-Razzien' unter polizeilichen Auflagen in Taranaki, wo sie auf ihr Verfahren wartet.
|
Am Montag, den 15 Oktober 2007 durchsuchten mehr als 300 paramilitärische Polizeikräfte 40 Häuser und Projekte in Neuseeland. Die Polzei behauptet, die Durchsuchungen basierten auf einer 'konkreten terroristischen Bedrohung' von indigenen Aktivist_innen. 20 Menschen sind insgesamt wegen Verstoss gegen das Waffengesetz angeklagt und das Gerichtsverfahren könnte mehrere Jahre dauern. Auf dieser Seite findest du Informationen über regionale Unterstützungsgruppen, Termine und Spenden. [Mehr] |